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Spritzguss

Spritzguss-Verfahren im Überblick: Kavitäten, Mehrkomponenten, Gasdruck

Veröffentlicht am 29. Juni 2026 · ca. 6 Min. Lesezeit

Spritzguss ist nicht gleich Spritzguss. Was nach einem einfachen Verfahren klingt — Kunststoff schmelzen, spritzen, auswerfen — birgt eine Vielzahl von Sonderverfahren, die sich drastisch in Kosten, Qualität und Einsetzbarkeit unterscheiden. Wer die richtige Variante wählt, spart nicht nur Werkzeugkosten, sondern vermeidet teure Nacharbeits- und Konstruktionsfehler.

In diesem Artikel geben wir einen Überblick über die wichtigsten Spritzguss-Verfahren und zeigen, wann sich welches lohnt.

Einspritzgießen: Das Standardverfahren

Beim Einspritzgießen wird Kunststoff über eine Einspritzdüse in eine geschlossene Spritzgießform gepresst. Es ist das am weitesten verbreitete Verfahren und die Grundlage für nahezu alle Sonderverfahren.

Typische Anwendungen:

  • Gehäuse und Verkleidungen (ABS, PC, PA)
  • technische Bauteile (POM, PBT)
  • Verpackungen (PP, PE)
  • Halterungen und Clips (PA6 mit Glasfaser)

Werkzeugkosten: 3.000–30.000 € je nach Komplexität und Kavitätenanzahl.

Stückpreise: 0,05–5 € (hängt ab von Material, Teilegröße und Losgröße).

Mehrkavitäten-Formen: Stückkosten senken

Eine Mehrkavitäten-Form produziert mehrere Teile pro Zyklus. Die Kavitätenzahl reicht von 2 bis über 128 — je nach Teilegröße und Maschinengröße.

Wann lohnt sich das?

  • Ab ca. 5.000 Stück/Jahr steigt der Effektivgewinn
  • Werkzeugkosten steigen um 60–150 % pro zusätzliche Kavität
  • Stückpreis sinkt um 30–50 % gegenüber Einkavitäten-Formen
  • Zykluszeit bleibt nahezu gleich (bei kleineren Bauteilen)

Beispiel: Ein Kunststoffclip mit Einkavitäten-Form kostet 0,12 €/Stück. Mit 8 Kavitäten sinkt der Preis auf 0,05 €/Stück — bei einem Werkzeugpreisanstieg von nur 5.000 €. Break-even: ca. 50.000 Stück.

Mehrkomponenten-Spritzguss (2K / 3K)

Beim Mehrkomponenten-Spritzguss werden zwei oder mehr Kunststoffmaterialien in einem Werkzeugzyklus miteinander verbunden. Typisches Beispiel: ein Griff mit weicher TPE-Gripzone auf einem PA-Träger.

Vorteile gegenüber nachträglicher Montage:

  • Keine manuelle Montage → geringere Stückkosten ab ca. 10.000 Stück
  • Chemische Verbindung der Materialien → höhere Haltbarkeit
  • Designfreiheit: Farbverläufe, funktionale Zonen, Markierungen
  • Reduzierte Logistik (ein Teil statt zwei)

Nachteile:

  • Werkzeugkosten 2–3× höher als Einkomponenten-Werkzeug
  • Begrenzte Materialkombinationen (Haftung muss sichergestellt sein)
  • Längere Werkzeugentwicklung (4–6 Wochen statt 2–4)

Typische Materialpaarungen:PA+TPE, PC+TPE, ABS+TPE, PP+EVA. Die Haftung wird durch Primer, Plasma-Vorbehandlung oder chemische Kompatibilität sichergestellt.

Gasdruck-Spritzguss (Gasassist)

Beim Gasdruck-Spritzguss wird nach dem Einspritzen des Kunststoffs Stickstoff in den noch flüssigen Kern gepresst. Das Gas drückt den Kunststoff an die Wand, reduziert innere Spannungen und ermöglicht dickere Bauteile ohne Schrumpfmarken.

Einsatzgebiete:

  • Dicke Griffe und Tragegriffe (z. B. Werkzeughandgriffe)
  • Hohlprofile mit glatter Oberfläche
  • Bauteile mit großen Querschnittsübergängen
  • Reduktion von Materialverbrauch (20–40 %)

Kostenfaktor: Das Gasassist-Modul kostet ca. 15.000–25.000 € zusätzlich zum Spritzgießwerkzeug. Lohnt sich erst ab mittleren bis hohen Stückzahlen (ab 10.000).

Sandwich-Spritzguss: Kern-Schale-Prinzip

Beim Sandwich-Spritzguss wird ein Kern aus billigem Material (z. B. recyceltem PP) mit einer Schale aus hochwertigem Material (z. B. glasfaserverstärktem PA) umhüllt. Das Ergebnis: hohe Festigkeit bei reduzierten Materialkosten.

Typische Anwendung: Tragende Bauteile mit kosmetisch anspruchsvoller Oberfläche — z. B. Gehäuse für Industrieanlagen, Automotiv-Innenraumteile.

Werkzeug: Spezielle Sandwich-Düse erforderlich (+10.000–20.000 €). Die Schichtdicke lässt sich gezielt steuern.

Überblick: Kosten und Entscheidungskriterien

Einspritzgießen (1K)/

Werkzeug: 3.000–30.000 €
Stückpreis: 0,05–5 €
Wann: Standard, ab 1.000 Stück

Mehrkavitäten/

Werkzeug: 8.000–80.000 €
Stückpreis: 0,02–1 €
Wann: Ab 5.000 Stück/Jahr

Mehrkomponenten (2K)/

Werkzeug: 15.000–100.000 €
Stückpreis: 0,10–3 €
Wann: Ab 10.000 Stück (vs. Montage)

Gasdruck (Gasassist)/

Werkzeug: +15.000–25.000 €
Stückpreis: Materialersparnis 20–40 %
Wann: Ab 10.000 Stück, dicke Bauteile

Sandwich-Spritzguss/

Werkzeug: +10.000–20.000 €
Stückpreis: Materialersparnis 30–50 %
Wann: Ab 20.000 Stück, Kern-Schale nötig

Mein Tipp: Vom Standard zum Sonderverfahren

Starten Sie mit dem Einspritzgießen als Standardverfahren. Erst wenn die Stückzahlen steigen oder funktionale Anforderungen (Weich- /Hartkombination, dickere Querschnitte) es erfordern, lohnt der Aufstieg zu Sonderverfahren. Der Kostenunterschied im Werkzeug ist erheblich — und die meisten Startups brauchen in der frühen Phase keine 2K-Form für 80.000 €.

Entscheidend ist die Break-even-Analyse: Rechnen Sie die Werkzeugkosten gegen die jährlichen Stückkostenersparnisse hoch. Bei den meisten Hardware-Projekten rechnet sich ein Mehrkavitäten- oder Mehrkomponenten-Werkzeug frühestens ab 10.000–50.000 Stück/Jahr.

Anton Steenken

Anton Steenken

B.Eng. · Hardware R&D Engineer · Gründer von engineer your idea

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