Spritzguss Kosten-Rechner: Tooling & Stückkosten selbst kalkulieren
23. Oktober 2026 · ca. 8 Min. Lesezeit
Bevor Sie eine Angebotsanfrage rausschicken, wollen Sie eine Ahnung haben, was das Projekt kostet: Schon die erste Frage im Erstgespräch, ob das Budget grob zwischen 20.000 und 50.000 € liegt, lässt sich mit einer eigenen Kalkulation deutlich souveräner beantworten. Die gute Nachricht: Spritzguss-Kosten sind keine schwarze Magie, sondern eine Rechnung mit fünf bis sechs Eingabegrößen. Dieser Artikel zeigt jede Größe einzeln, nennt realistische Spannen und rechnet am Ende ein komplettes Gehäuseprojekt in drei Stückzahl-Szenarien durch. Wer es direkt ausprobieren will, nutzt den Kostenrechner auf dieser Seite.
Die Grundformel: so setzt sich der Preis zusammen
Jede Spritzguss-Kalkulation, von der Grobschätzung bis zum detaillierten Angebot, folgt derselben Struktur:
Projektkosten = Werkzeug + Stückkosten × Menge + Puffer
Stückkosten = (Material + Maschinenzeit) / Kavitäten + Werkzeug / Menge
Die erste Zeile ist die Budgetfrage, die zweite die Stückpreisfrage. Beide hängen zusammen, aber sie werden von unterschiedlichen Entscheidern getrieben: Das Werkzeug entscheidet sich in der Konstruktion (Kavitätenzahl, Schieber, Angusssystem), die variablen Stückkosten in der Prozessauslegung (Zykluszeit, Maschinengröße, Material). Wer nur eine Gesamtsumme ansetzt, verliert die Sicht darauf, an welcher Stellschraube eine Preisdifferenz tatsächlich hängt.
Alle Werte in diesem Artikel sind netto zzgl. MwSt. und als Planungsspannen aus der Angebotspraxis zu verstehen, nicht als Angebote.
Schritt 1: Werkzeugkosten schätzen
Das Werkzeug ist der größte Einzelposten und der, bei dem eine falsche Werkzeugklasse das gesamte Projekt kippt. Vier Faktoren bestimmen den Preis: Kavitätenzahl, Schieber für Hinterschneidungen, Angusssystem (Kaltlauf gegen Heißkanal) und Werkzeugmaterial. Typische Spannen:
Aluminium-Prototypwerkzeug, 1 Kavität
ca. 1.500–5.000 €
Einsatz: Muster, Markttests, erste Kleinserien bis einige hundert Teile
Stahl-Serienwerkzeug, 2-Platten, 1–2 Kavitäten
ca. 8.000–15.000 €
Einsatz: Standardgehäuse ab mehreren tausend Teilen
Mehrkavitäten-Werkzeug, 4–8 Kavitäten
ca. 20.000–40.000 €
Einsatz: Hohe Stückzahlen, kürzere Taktzeiten pro Teil
Werkzeug mit Schiebern oder Heißkanal
ca. 25.000–50.000 € und mehr
Einsatz: Hinterschnitt-Geometrie, anspruchsvolle Optik
Für die erste Kalkulation reicht eine Faustregel: Anzahl der Kavitäten mal Grundpreis des Werkzeugkonzepts, plus 30 bis 50 % für jeden Schieber und für Heißkanal. Für Kleinserien bis einige hundert Teile ist das Stahlwerkzeug fast immer überdimensioniert, dort entscheidet die Werkzeugklasse über den wirtschaftlichen Erfolg. Welche Kosten in kleinen Mengen wirklich anfallen, steht im Kleinserie-Kosten-Guide.
Der Werkzeugstandort verschiebt die Zahl ebenfalls deutlich: Werkzeuge aus Asien sind spürbar günstiger, dafür stehen Fracht, Zoll, längere Kommunikationswege und die Ersatzteil-Lage. Die vollständige Abwägung mit Entscheidungsmatrix steht im Artikel Spritzguss-Werkzeug: China vs. Deutschland.
Schritt 2: Stückkosten berechnen
Die variablen Stückkosten bestehen aus zwei Bausteinen: Material und Maschinenzeit. Beide lassen sich mit drei Angaben aus dem CAD-Modell abschätzen: Schussgewicht, Zykluszeit und Kavitätenzahl.
- Material pro Schuss: Schussgewicht (g) × Granulatpreis (€/kg), geteilt durch die Kavitätenzahl. Standardgranulate (PP, ABS) liegen bei 1,50 bis 2,50 €/kg, technische Kunststoffe (PA, POM) bei 3 bis 6 €/kg.
- Maschinenzeit pro Schuss: Zykluszeit (h) × Maschinensatz (€/h), ebenfalls geteilt durch die Kavitätenzahl. Der Maschinensatz hängt von der Schließkraft ab, typisch 60 bis 120 €/h für gängige Gehäusegrößen.
Durchgerechnet am Beispiel aus dem Stückkosten-Artikel: Ein ABS-Gehäuse mit 65 g Schussgewicht, 45 Sekunden Zyklus, einem Zwei-Kavitäten-Werkzeug und 80 €/h Maschinensatz kostet variabel rund 0,66 € pro Teil. Der Materialanteil daran liegt bei nur etwa 0,20 €, die Maschinenzeit dominiert. Genau deshalb ist die Zykluszeit die wichtigste einzelne Zahl in jedem Angebot: Ein Anbieter, der mit 30 statt 60 Sekunden Zyklus rechnet, kann den Stückpreis fast halbieren, ohne etwas an der Geometrie zu ändern.
Alle Stellschrauben, von der Wandstärke über das Vermeiden von Schiebern bis zur Materialwahl nach Gesamtkosten, sind im Artikel Spritzguss-Kosten senken: 10 konkrete Ansätze mit Preisbeispielen aufgeführt.
Schritt 3: Werkzeugamortisation und Break-even
Der letzte Baustein der Stückpreis-Formel ist der Werkzeuganteil: Werkzeugkosten geteilt durch die geplante Abnahmemenge. Diese Zahl fällt mit der Menge dramatisch, was der Grund ist, warum derselbe Werkzeugkauf bei zwei Stückzahlen zwei völlig unterschiedliche Projekte ergibt. Am Beispiel eines 12.000-€-Stahlwerkzeugs:
10.000 Teile
1,20 €/Teil Werkzeuganteil
50.000 Teile
0,24 €/Teil Werkzeuganteil
100.000 Teile
0,12 €/Teil Werkzeuganteil
Für die Break-even-Frage gegen 3D-Druck oder CNC zählen nicht die Werkzeugkosten allein, sondern die Gesamtkosten pro Projekt: Unterhalb von etwa 300 bis 500 Teilen amortisiert sich ein Serienwerkzeug in der Regel nicht, dort sind druck- und fräs-basierte Verfahren wirtschaftlicher. Oberhalb gewinnt Spritzguss mit jedem weiteren Teil, weil der variable Preis unter einem Euro und bei einfachen Teilen in Centbereiche fällt.
Die Verfahrensgrenzen im Detail, inklusive Rapid Tooling als Zwischenstufe, stehen in der Spritzguss-Kosten-Übersicht.
Durchgerechnet: ein Gehäuseprojekt in drei Szenarien
Jetzt alle Bausteine zusammen: ABS-Gehäuse, Stahlwerkzeug mit zwei Kavitäten für 12.000 €, variable Stückkosten von 0,66 € zuzüglich Werkzeugamortisation nach Menge. Als Puffer für Korrekturen, Verpackung und Fracht schlagen wir 5 bis 10 % auf die Summe aus Werkzeug und Teilekosten auf:
10.000 Teile
Stück 1,86 €/Teil · Teile 18.600 € · Projekt ≈ 32.000 €
50.000 Teile
Stück 0,90 €/Teil · Teile 45.000 € · Projekt ≈ 62.000 €
100.000 Teile
Stück 0,78 €/Teil · Teile 78.000 € · Projekt ≈ 98.000 €
Zwei Beobachtungen: Erstens dominiert ab mittleren Mengen nicht das Werkzeug, sondern die Summe der Teile. Das Werkzeug entscheidet, ob das Projekt finanziell machbar ist, die Stückkosten, ob die Marge am Ende stimmt. Zweitens wächst der Puffer mit der Menge: Bei 100.000 Teilen bedeuten 5 bis 10 % schon 4.000 bis 9.000 €, die je nach Angebotsstruktur gerettet oder verbrannt werden.
Welche Posten in diesem Puffer stecken und wie man sie in der Angebotsanfrage sichtbar macht, zeigt der Artikel zur Kosten-Aufschlüsselung mit den vier Kostenblöcken jeder Rechnung.
Was der Rechner nicht zeigt
Eine Rechner-Kalkulation deckt die harten Zahlen ab. Drei Posten fehlen ihr zwangsläufig, und sie sind der Grund, warum die eigene Rechnung und das erste Angebot oft auseinanderliegen:
- Erstinbetriebnahme. Die T1-Muster werden fast nie freigegeben, ohne dass das Werkzeug korrigiert wird. Rechnen Sie zwei bis vier Schleifen à 500 bis 5.000 € ein und fragen Sie, wie viele im Werkzeugpreis enthalten sind.
- Logistik und Verpackung. Je nach Verpackungsart 0,05 bis 0,30 € pro Teil, bei Importen Fracht und Zoll als eigener Posten.
- Dokumentation. Erstmustermessbericht, Materialnachweise und formartierte Abnahmen kosten Zeit, die in Erstangeboten gerne fehlt.
In der Summe machen diese Posten oft 5 bis 10 % des Projektvolumens aus. Wer sie in der eigenen Rechnung als Puffer führt, erlebt das erste Angebot nicht als Überraschung, sondern als Abgleich.
Selbst rechnen oder Angebot einholen?
Die eigene Kalkulation ersetzt kein Angebot, aber sie verändert, wie Sie damit umgehen. Mit den Zahlen aus diesem Artikel können Sie drei Dinge, die vorher raten waren: die Größenordnung einschätzen, bevor Sie Zeit in die Anfrage investieren, die Prozessannahmen hinterfragen, statt nur den Endpreis zu vergleichen, und die Budgetreserve für Block-3- und Block-4-Kosten bewusst planen.
Ein praktischer Tipp dafür: Halten Sie Ihre Annahmen schriftlich fest, am besten direkt neben der Rechnung. Welches Werkzeugkonzept Sie angesetzt haben, mit welcher Zykluszeit und welchem Maschinensatz gerechnet wurde und welcher Puffer eingestellt ist. Spätestens beim ersten Angebot wissen Sie sonst nicht mehr, welche Ihrer Annahmen der Anbieter bestätigt und welche er anders bewertet hat. Aus einer nackten Zahl wird so eine nachvollziehbare Abweichungsanalyse, und die Frage im Erstgespräch wird konkreter: nicht mehr „Warum kostet das so viel?", sondern „Wo rechnen wir mit unterschiedlichen Annahmen?".
Der Kostenrechner rechnet Werkzeug, Stückkosten und Break-even für Ihr Bauteil in 30 Sekunden durch, vollständig im Browser. Für die verbindliche Zahl gehört dann ein Angebot mit konkretem Werkzeugkonzept, Zykluszeit und Lieferumfang. Wie so ein Projekt von der Konstruktion bis zur Serienfreigabe abläuft, steht auf der Spritzguss-Service-Seite.
Häufige Fragen zum Spritzguss-Kostenrechner
Wie rechnet ein Spritzguss-Kostenrechner?
Ein ehrlicher Rechner arbeitet mit derselben Formel wie das Angebot: Werkzeugkosten als Einmalkosten, Stückkosten aus Material, Maschinenzeit und Kavitätenzahl, dazu Werkzeugamortisation über die geplante Menge. Die Ausgabe ist eine Bandbreite aus Erfahrungswerten, kein Angebot. Für eine verbindliche Zahl braucht es ein Angebot mit konkreten Prozessannahmen.
Was kostet ein Spritzgusswerkzeug?
Ein einfaches Aluminium-Werkzeug startet bei rund 1.500 €, ein zweiplattiges Stahl-Serienwerkzeug liegt je nach Größe zwischen 8.000 und 15.000 €, und Werkzeuge mit Schiebern oder Heißkanal erreichen 25.000 bis 50.000 € und mehr. Kavitätenzahl, Seitaktionen und Angusssystem treiben die Spanne.
Wie hoch ist der Stückpreis pro Teil?
Der variable Stückpreis ergibt sich aus Schussgewicht mal Granulatpreis plus Zykluszeit mal Maschinensatz, geteilt durch die Kavitätenzahl. Beispiel: Ein ABS-Gehäuse mit 65 g Schussgewicht, 45 Sekunden Zyklus und zwei Kavitäten bei 80 €/h Maschinensatz kostet variabel rund 0,66 € pro Teil.
Ab welcher Stückzahl amortisiert sich das Werkzeug?
Die Amortisation ist eine reine Mengenfrage: 12.000 € Werkzeugkosten verteilen sich bei 10.000 Teilen auf 1,20 € pro Teil, bei 100.000 Teilen nur noch auf 0,12 €. Weil dafür der Stückpreis sinkt, verschiebt sich der Break-even gegen 3D-Druck oder CNC bei Standardteilen typischerweise in den Bereich ab 300 bis 500 Teilen.
Welche Kosten fehlen in einer reinen Rechner-Rechnung?
Die Erstinbetriebnahme mit zwei bis vier Korrekturschleifen (je 500 bis 5.000 €), Verpackung und Fracht, Eingangsprüfung und Dokumentation. Diese Posten machen in der Praxis oft 5 bis 10 % des Projektvolumens aus und sollten als Puffer eingerechnet werden.
Kann ich die eigene Rechnung mit einem Angebot abgleichen?
Ja, und genau dafür lohnt sie sich: Wenn Sie Werkzeugkonzept, Kavitätenzahl, Zykluszeit und Maschinengröße getrennt aufschlüsseln, sehen Sie sofort, wo ein Angebot mit anderen Annahmen rechnet. Ein Angebot, das nur eine Gesamtsumme nennt, lässt sich so erstmals seriös vergleichen.

Anton Steenken
B.Eng. · Hardware R&D Engineer · Gründer von engineer your idea
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