Spritzguss
Materialwahl im Spritzguss: PA, PP, ABS, POM, TPE verglichen
Veröffentlicht am 29. Juli 2026 · ca. 6 Min. Lesezeit
Die Wahl des richtigen Kunststoffs ist eine der frühesten und folgenreichsten Entscheidungen im Spritzguss-Projekt. Sie bestimmt nicht nur die mechanischen Eigenschaften des Bauteils, sondern auch die Werkzeugkosten, den Stückpreis und die Fertigungsparameter. Ein Materialwechsel nach dem Werkzeugbau ist teuer – im Zweifelsfall muss eine neue Form her.
Dieser Artikel vergleicht die fünf wichtigsten Spritzguss-Kunststoffe nach den Kriterien, die in der Praxis entscheiden: Festigkeit, Temperaturbeständigkeit, Schrumpfung, Kosten und typische Anwendungsbereiche.
Die Materialien im Überblick
Für Gehäuse und mechanische Bauteile im Hardware-Bereich kommen überwiegend fünf Kunststoffgruppen zum Einsatz. Jede hat spezifische Stärken und Grenzen, die sich direkt auf Konstruktionsentscheidungen auswirken.
PA (Polyamid / Nylon) – Der Allrounder für mechanische Bauteile
- Zugfestigkeit: 70–85 MPa (PA6), 80–90 MPa (PA66)
- Temperaturbeständigkeit: Dauer bis 80–100 °C, kurzzeitig bis 150 °C
- Schrumpfung: 1,0–2,0 % (hoch – Konstruktion berücksichtigen!)
- Materialkosten: 3,50–5,00 €/kg
- Besonderheit: Feuchtigkeitsaufnahme (2,5–3 % bei PA6) verändert Maße und mechanische Eigenschaften
Typische Anwendungen: Zahnräder, Clips, Gehäuse mit Clipsverschluss, Kabelbinder, Lagerbuchsen. PA ist die erste Wahl, wenn Schlagzähigkeit und Verschleißfestigkeit zählen.
Praxis-Tipp: PA6 saugt Feuchtigkeit, PA66 weniger. Für Bauteile mit engen Toleranzen entweder PA66 verwenden oder die Feuchtequellung in der Konstruktion einplanen. Glasfaserverstärktes PA (PA-GF30) reduziert die Schrumpfung auf 0,3–0,7 % und erhöht die Steifigkeit deutlich.
PP (Polypropylen) – Der kostengünstige Standard
- Zugfestigkeit: 30–40 MPa
- Temperaturbeständigkeit: Dauer bis 100 °C, kurzzeitig bis 140 °C
- Schrumpfung: 1,0–2,5 % (hoch, richtungsabhängig)
- Materialkosten: 1,50–2,50 €/kg (günstigstes Standardmaterial)
- Besonderheit: Scharniereffekt bei dünnen Stegverbindungen (Lebensdauer > 100.000 Zyklen)
Typische Anwendungen: Gehäuse für Konsumprodukte, Verpackungen, Klappdeckel mit Scharnier, leichte Gehäuse ohne hohe mechanische Anforderungen. PP ist das Material der Wahl, wenn der Stückpreis im Vordergrund steht.
Praxis-Tipp: PP hat eine geringe Oberflächenenergie – Kleben und Bedrucken sind schwierig. Für sichtbare Oberflächen entweder Plasma-Vorbehandlung einplanen oder In-Mold-Labeling (IML) verwenden.
ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) – Der Klassiker für Gehäuse
- Zugfestigkeit: 40–55 MPa
- Temperaturbeständigkeit: Dauer bis 85 °C
- Schrumpfung: 0,4–0,7 % (niedrig – gute Maßhaltigkeit)
- Materialkosten: 2,50–3,50 €/kg
- Besonderheit: Hervorragende Oberflächenqualität, gut bedruckbar und beschichtbar
Typische Anwendungen: Elektronikgehäuse, Gehäuse für Haushaltsgeräte, Prototypen (auch im 3D-Druck), sichtbare Bauteile mit hohen Oberflächenanforderungen. ABS ist der Industriestandard für Gehäuse, die gut aussehen müssen.
Praxis-Tipp: PC/ABS-Blends kombinieren die Oberflächenqualität von ABS mit der Schlagzähigkeit von Polycarbonat. Für Gehäuse, die Stürze überstehen müssen (z.B. Elektrowerkzeuge), ist PC/ABS oft die bessere Wahl.
POM (Polyoxymethylen / Delrin) – Der Präzisionswerkstoff
- Zugfestigkeit: 60–70 MPa
- Temperaturbeständigkeit: Dauer bis 90–110 °C
- Schrumpfung: 1,8–2,5 % (hoch, aber sehr gleichmäßig)
- Materialkosten: 4,00–6,00 €/kg
- Besonderheit: Niedriger Reibungskoeffizient (0,1–0,3), hervorragende Gleiteigenschaften, sehr gute Maßhaltigkeit nach Einlaufphase
Typische Anwendungen: Zahnräder, Gleitlager, Präzisionsteile, Federn, Bauteile mit Reibkontakt. POM ist die erste Wahl für bewegliche Teile, die ohne Schmierung laufen müssen.
Praxis-Tipp:POM lässt sich nicht gut kleben – Verbindungen über Klips, Schrauben oder Ultraschallschweißen herstellen. Formaldehydabspaltung bei Verarbeitungstemperatur (> 210 °C) beachten – gute Belüftung im Spritzgusswerkzeug erforderlich.
TPE (Thermoplastische Elastomere) – Der flexible Partner
- Zugfestigkeit: 5–25 MPa (je nach Härte)
- Temperaturbeständigkeit: Dauer bis 80–100 °C
- Schrumpfung: 1,5–3,0 % (hoch, stark abhängig von Wandstärke und Härte)
- Materialkosten: 4,00–8,00 €/kg
- Besonderheit: Shore-A-Härte von 20–90, übertragbar mit Hartkomponenten (2K-Spritzguss)
Typische Anwendungen: Dichtungen, Griffe, weiche Berührungsoberflächen (Soft-Touch), Kabelverschraubungen, Schwingungsdämpfer. TPE wird fast immer als Zweikomponente auf ein Hartmaterial (PP, ABS, PA) aufgespritzt.
Praxis-Tipp: Nicht jedes TPE haftet auf jedem Hartmaterial. Die Haftung hängt von der chemischen Verträglichkeit ab: TPE auf PP funktioniert gut, TPE auf PA nur bedingt. Vor der Werkzeugfertigung immer einen Haftungstest durchführen.
Direktvergleich: Welches Material wofür?
Die Materialwahl hängt von drei Faktoren ab: mechanische Anforderungen, Umgebungsbedingungen und Budget. Hier eine Entscheidungshilfe:
- Gehäuse mit hoher Oberflächenqualität: ABS oder PC/ABS
- Mechanische Bauteile mit Verschleiß: PA (gf-verstärkt) oder POM
- Kostensensitiv, moderate Anforderungen: PP
- Bewegliche Teile ohne Schmierung: POM
- Dichtungen, Griffe, Soft-Touch: TPE (als 2K-Komponente)
- Feuchte Umgebung oder Outdoor: PA66 oder PP (beide feuchtigkeitsresistenter als PA6)
Schrumpfung: Der unterschätzte Kostenfaktor
Die Schrumpfung bestimmt, ob das Bauteil nach dem Entformen die richtigen Maße hat. Bei PA6 mit 1,5–2 % Schrumpfung bedeutet das: Ein 100 mm langes Bauteil wird 98–98,5 mm. Der Werkzeugbauer muss die Form größer fräsen – die Schrumpfrate wird als "Werkzeugmaß" einkalkuliert.
Problematisch wird es bei ungleichmäßiger Schrumpfung. PP und PA schrumpfen in Fließrichtung anders als quer dazu. Das führt zu Verzug – das Bauteil krümmt sich. Glasfaserverstärkte Materialien verschärfen das Problem, weil die Fasern sich in Fließrichtung ausrichten.
Praxis-Tipp: Für verzugskritische Bauteile eine Füllsimulation (Moldflow) vor der Werkzeugfertigung durchführen lassen. Kosten: 500–2.000 €. Das spart teure Werkzeugkorrekturen (2.000–10.000 €).
Kostenvergleich der Materialien
Die Materialkosten sind nur ein Teil der Gesamtrechnung. Ein teureres Material kann billiger sein, wenn es die Werkzeugstandzeit erhöht oder Nacharbeit eliminiert:
- PP: 1,50–2,50 €/kg – Günstigstes Material, aber geringe Festigkeit
- ABS: 2,50–3,50 €/kg – Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für Gehäuse
- PA: 3,50–5,00 €/kg – Höhere Kosten, aber mechanisch überlegen
- POM: 4,00–6,00 €/kg – Teurer, aber keine Nachbearbeitung bei Gleitflächen
- TPE: 4,00–8,00 €/kg – Je nach Typ und Shore-Härte stark schwankend
Hinweis: Die Preise beziehen sich auf Standardqualitäten. Spezialadditive (UV-Stabilisatoren, Flammschutzmittel, Farbmasterbatches) erhöhen die Kosten um 0,50–2,00 €/kg.
Werkzeugverschleiß: Welches Material welches Werkzeug braucht
Nicht jedes Material belastet das Werkzeug gleich:
- PP, ABS: Standardwerkzeug-Stahl (1.2343/1.2344), Standzeit 500.000–1.000.000 Schuss
- PA, PA-GF: Verschleißfester Stahl (1.2379) bei glasfaserverstärkten Varianten. Glasfasern wirken wie Schleifmittel – ohne gehärteten Stahl erodieren Anguss und Kavitäten nach 100.000–200.000 Schuss
- POM: Standardstahl reicht, aber Formaldehyd korrodiert unbeschichtete Oberflächen. Hartverchromte oder nickelbeschichtete Kavitäten verlängern die Standzeit
- TPE: Kein besonderer Verschleiß, aber die niedrige Viskosität erfordert präzise Trennschärfe, um Grat zu vermeiden
Wann die Materialwahl getroffen werden sollte
Vor der Werkzeugfertigung. Ein Materialwechsel nach dem Werkzeugbau ist möglich, aber teuer:
- Gleiches Spritzgussverfahren, ähnliche Schrumpfung: Oft ohne Werkzeugänderung möglich (z.B. ABS → PC/ABS)
- Andere Schrumpfrate: Kavitäten müssen nachgearbeitet werden (2.000–10.000 €)
- Höhere Verarbeitungstemperatur: Kann Kühlkanäle und Heizelemente betreffen (5.000–15.000 €)
Empfehlung: Die Materialentscheidung zusammen mit der CAD-Konstruktion treffen. Wandstärken, Abzugswinkel und Stege werden direkt auf das gewählte Material ausgelegt. Ein DFM-Audit vor der Werkzeugfertigung prüft, ob das Material zum Design passt.

Anton Steenken
B.Eng. · Hardware R&D Engineer · Gründer von engineer your idea
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