CAD × KI
Agentic CAD im Test: Claude Opus baut ein Raspberry-Pi-4-Gehäuse
Veröffentlicht am 29. September 2026 · ca. 6 Min. Lesezeit
Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass GPT-6 Astra parametrisches CAD generieren kann. Diesmal habe ich meinen eigenen Test gefahren: das neue Opus-Modell von Anthropic. Titel des Experiments könnte man mit „I got humbled“ zusammenfassen. Kurz gesagt: Ich wurde von Claude Opus 5.5 beeindruckt, aber nicht dort, wo ich es erwartet hätte.
Das Setup: MCP direkt in die live CAD-Session
Claude Opus 5.5 war direkt per MCP (Model Context Protocol) mit meiner laufenden Fusion-Session verbunden. Ein Prompt, so simpel wie anspruchsvoll:
Baue ein Gehäuse für einen Raspberry Pi 4. Bodenschale mit Cutouts für jeden I/O-Port, Lüftungsschlitze, Snap-Fit-Deckel, ABS. Und beschaffe das Pi-4-STEP-File selbst.
Was das Modell alles selbst gemacht hat
Datenbeschaffung: Es hat ein Pi-4-STEP-File gesucht, kein offizielles gefunden, die Lizenz des Community-Modells geprüft und vor dem Download nachgefragt. Ein Modell, das Lizenzfragen stellt, bevor es Daten lädt, das war noch vor einem Jahr unvorstellbar.
Vermessung statt Schätzung: Es hat die Platine importiert und Bohrungen, PCB-Dicke und Connector-Höhen aus der echten Geometrie gemessen. Nicht „Pi 4 ist ungefähr 85 × 56 mm“, sondern echte Maße aus echten Daten. Dazu kamen drei Sackgassen in der Fusion API, an denen es hängen blieb, und sich jeweils selbstständig darum herum arbeitete.
Das Ergebnis: Bodenschale, Cutouts, Lüftungsschlitze und Snap-Fit-Deckel in einem Durchlauf. Als ich Schrauben nachforderte, fand es die passenden Heat-Set-Inserts und Schrauben und baute sie ein. Nah an One-Shot-Quality.
Der eine Moment, in dem ich eingreifen musste
Genau einer: Das Modell begann, hunderte Bodies einzeln zu verschieben, statt die Komponente als Ganzes zu nehmen. Ein Performance- und Architekturfehler, den ich nach ein paar Minuten gesehen und korrigiert habe. Ärgerlich, aber kein Systemfehler, die Art von Dummheit, die man auch einem Junior verzeiht, solange er lernt.
Der kritische Teil: Die Snap-Fits
Die Snap-Fits sahen perfekt aus. Und genau da beginnt das Problem: Beim 3D-Druck würde ich erwarten, dass sie beim ersten Zusammenbau abbrechen. Dahinter fehlt Material, die Nackendicke ist zu dünn für Schichtaufbau. Und das Gehäuse ist auch nicht spritzgussfertig: keine Entformungsschrägen, nirgends.
Warum? Weil ich es ihm nie gesagt habe. Ich habe nie kommuniziert, für welchen Fertigungsprozess konstruiert wird.
Same geometry, two completely different parts
Das ist der Punkt, der zählt: Gleiche Geometrie, zwei komplett unterschiedliche Bauteile. Druck oder Spritzguss, diese Entscheidung treibt das gesamte Design:
- 3D-Druck: Snap-Fits brauchen Material hinter dem Nacken, Orientierung im Bauraum entscheidet über Schichtlinien und Bruchverhalten, Wandstärken optimiert man auf Druckzeit.
- Spritzguss: Entformungsschrägen an jeder Wand, Angusspunkte und Trennlinien planen, Rippen auf Wandstärke-Verbund auslegen, Schwindmaß einrechnen.
Das Modell hat keinen Weg, das zu erraten. Geb ihm Prozess und Constraints, und agentic CAD wird ernsthaft stark. Lass es weg, und du bekommst ein Gehäuse, das fertig aussieht und beim ersten Zusammenbau bricht.
Das Modell arbeitet jetzt. Wissen bleibt mein Job.
Das erledigt die Geometrie-Arbeit: STEP-Import, Vermessung, Features, Workarounds. Was es nicht kann: Verantwortung übernehmen. Entformungsschrägen bewerten, Werkzeugkosten gegen Stückzahl abwägen, ein Design decision-by-decision fertigungsgerecht übersetzen. Genau das bleibt Ingenieursarbeit, und genau da liegt der Wert, den ein Konstruktionsbüro liefert.
Aber: Die Lücke schließt sich. Systeme verbessern sich, Checklisten und strukturierte Prompts erhöhen die Wahrscheinlichkeit, mit weniger Eingriffen näher am fertigen Design zu landen. Ich weiß jetzt, wie ich meinen nächsten Raspberry-Pi-Benchmark prompten werde: Prozess, Material, Stückzahl, Toleranzen, IP-Schutzklasse, rein in den ersten Prompt.
Die CAD-Prompt-Checkliste für dein nächstes Projekt
Wenn du selbst mit agentic CAD experimentierst, nimm diese Checkliste in den Prompt, das sind die Punkte, die zwischen „sieht fertig aus“ und „ist fertig aus“ unterscheiden:
- Fertigungsprozess: 3D-Druck (FDM/SLA/SLS) oder Spritzguss? Beides ist eine andere Geometrie.
- Material + Stückzahl: ABS, PA12, PP? 10 Stück oder 10.000?
- Toleranzen: Welche Passungen müssen hältbar sein, welche sind kosmetisch?
- Befestigung: Schrauben, Heat-Set-Inserts, Snap-Fits, Kleben, inkl. Materialkompatibilität.
- Umgebung: IP-Schutzklasse, Temperaturbereich, UV, Vibration, Kontaktmedien.
- Vorgänger-Daten: STEP-File der Elektronik mit echten Maßen, nicht „ungefähr Pi-4-Format“.
Mit diesen sechs Punkten wird agentic CAD von „beeindruckendes Experiment“ zu „brauchbarer Engineering-Partner“. Der Rest ist Erfahrung, die man weder downloaden noch prompten kann, aber einzukaufen.
Fazit
Agentic CAD ist kein Hype mehr, es ist Werkzeug. An dem Tag, an dem du Prozess und Constraints mitgibst, bekommst du in einer Session, was früher ein paar Konstruktionstage waren. Und genau deshalb ändert sich mein Job: weniger Geometrie klicken, mehr Fertigungswissen einbringen und verifizieren. Das Modell wird besser, die Frage „Wem gehören die CAD-Daten?“ und „Ist das fertigungsgerecht?“ beantwortest trotzdem du.
Hinweis: Das Video zum Test (kompletter Durchlauf im Zeitraffer) folgt in Kürze an dieser Stelle.

Anton Steenken
B.Eng. · Hardware R&D Engineer · Gründer von engineer your idea
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Ob agentic CAD oder klassisch: Am Ende zählt ein fertigungsgerechtes Design. Ich konstruiere Gehäuse, die sowohl im 3D-Druck als auch in der Serie funktionieren. Erstgespräch kostenlos und unverbindlich.
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